Fachkräfte für die Reinraumbranche

 

Anforderungen an die Ressource Mensch

Reinräume sind besondere Produktions- und somit Arbeitsumgebungen, bei denen Prozesse vor Verunreinigungen geschützt werden müssen.

Die hergestellten Produkte sind sensibel, haben Leben rettende Wirkung oder erfüllen sicherzustellende Funktionen. Die Produktpalette reicht dabei von Medikamenten und Implantaten bis hin zu Steuerungssystemen und Bauelementen in Bremssystemen bei Fahrzeugen. Dazu gehören aber auch Fälschungssicherungen in Geldscheinen oder Systeme bei der Abfüllung von Mineralwassern und Fruchtsäften sowie bei der Herstellung von Brillengläsern und Kameraobjektiven.

Reinräume werden je nach Anforderung in verschiedene Klassen unterteilt. Wo sehr hohe Anforderungen herrschen, sollen Mitarbeiter beispielsweise nicht sprechen, singen, pfeifen und sie müssen sich besonders langsam und bedacht bewegen. Ebenso dürfen sie in diesen Bereichen nichts essen und trinken, keine Bonbons lutschen und sind im Idealfall Nichtraucher. Schminke, Hautkrankheiten und offen liegende Haare sind k.o.-Kriterien, um einen Reinraum mit hohem Anspruch zu betreiben.

Ein Reinraummitarbeiter kann somit ein Ingenieur, eine Reinigungskraft, ein Produktionsassistent, ein Verfahrenstechniker, ein Laborant, ein Handwerker oder ein Kaufmann sein. Und da beginnt das Dilemma!

Derzeit gibt es keine Reinraumausbildung

Es handelt sich um eine Zusatzqualifikation, um in einem Reinraum zu arbeiten. Es gibt kein Berufsbild des Reinraum-Ingenieures, keines des Reinraum-Laboranten, des Reinraum-Servicetechnikers und keines des Reinraum-Reinigers.

Nachfolgend einige Kennzahlen aus meinem Unternehmen: (exemplarisch dienen hier Zahlen aus einem zurückliegenden Jahr)

Anzahl der Beschäftigten: 164

  • durchschnittliche Beschäftigungszeit:
Beschäftigungszeit Anzahl der männlichen MA Anzahl der weiblichen MA
0 bis 5 Jahre 78 45
5 bis 10 Jahre 20 11
11 bis 15 Jahre 1 1
16 bis 30 Jahre 1 0
Anzahl der MA 100 57
durchschnittliche Beschäftigungszeit 3 Jahre 3 Jahre

 

  • Geschlechterverteilung:
Anzahl der männlichen MA 64 %
Anzahl der weiblichen MA 36 %

 

  • Lebensalter-Verteilung:
Alter Anzahl männliche MA Anzahl weibliche MA
67 / 66 1 0
65 / 64 1 0
63 / 62 3 0
61 / 60 4 3
59 / 58 4 1
57 / 56 5 2
55 / 54 4 2
53 / 52 5 1
51 / 50 5 0
49 / 48 6 0
47 / 46 6 7
45 / 44 3 2
43 / 42 6 7
41 / 40 4 1
39 / 38 2 2
37 / 36 4 3
35 / 34 4 4
33 / 32 10 4
31 / 30 7 5
29 / 28 3 5
27 / 26 7 2
25 / 24 1 4
23 / 22 3 2
21 / 20 1 0
19 / 18 1 0

 

Bedarf ergibt sich für alle Branchen.

Die Agentur für Arbeit ist jedoch nicht in der Lage, den Bedarf spezifisch zu steuern. Selbst wenn heute eine Rubrik geschaffen würde, die sich Reinraum-Reiniger nennt, so müsste diese Rubrik in den Stellenangeboten auch gefunden werden. Gefunden werden hingegen meist nur die Rubriken und Berufe sowie Tätigkeiten, die man auch kennt. Somit ist die öffentliche Wahrnehmung für das Thema Reinraum zu gering.

Da es sich um eine technologisch anspruchsvolle Tätigkeit handelt, die die Reinheit in diesen Produktionsumgebungen sicherstellt, ist die Reinigung von Reinräumen keineswegs mit der herkömmlichen Gebäudereinigung zu vergleichen. Letztlich gibt es zwar einen wischenden Prozess auf einer Oberfläche, jedoch braucht es für einen Reinraum ein spezifisches Wissen und ein ganz besonderes Arbeits-Bewusstsein als zu wissen – salopp gesagt – wie man eine Fläche zum Glänzen bringt.

Somit haben wir vor über 30 Jahren begonnen, eine eigene interne Ausbildung zu schaffen, um unsere Mitarbeiter mit dem erforderlichen Wissen für diese anspruchsvolle Tätigkeit zu qualifizieren. 2007 haben wir dazu ein eigenes Ausbildungszentrum mit Reinraum gebaut.

Ein anderes Rekruiting

Die erste Hürde ist jedoch, Mitarbeiter für diese Tätigkeit zu rekrutieren. Wir schufen die Berufsbezeichnung “Clean Operator”. Doch mit diesem Begriff ist das Recruiting nochmals schwieriger – sowohl über die Agentur für Arbeit, als über Annoncen oder Stellenbörsen im Internet. Denn wer sucht den Clean Operator? Die Reinigungsfachkraft ist jedoch auch nicht die richtige Bezeichnung für diese spezifische Tätigkeit im Reinraum, denn dadurch ergeben sich unter Umständen zu viele ungeeignete Bewerbungen.

Somit haben wir professionalisierte Maßnahmen im Recruiting geschaffen, die in Print, Video und den sozialen Kanälen zum einen den Clean Operator in Ausübung seiner Tätigkeit zeigen und zum anderen die Verantwortung dieser Tätigkeit in den Vordergrund stellen.

Ältere Mitarbeiter, wiedereinsteigende Frauen und ausländische Erwerbstätige

2007 erhielt unser Unternehmen die Auszeichnung “50 plus” vom damaligen Bundesminister für Arbeit und Soziales, Herrn Müntefering. Denn wir hatten frühzeitig damit begonnen, die über 50-Jährigen als Zielgruppe in unser Recruiting aufzunehmen. Dieser Markt ist für Recruiting-Maßnahmen jedoch zusehends schwieriger geworden.

Junge Menschen haben indes das Problem der Identifikation mit dieser Reinraum-Tätigkeit. Wer erzählt in seinem Freundeskreis gerne, dass er einen Reinigungsjob ausübt – sei es auch der anspruchsvollste Reinigungs-Job überhaupt? Es bleibt im Bewusstsein der Menschen stets das Wort “Reinigung” haften – und das ist in unserer Gesellschaft nicht besonders hoch bewertet.

Aktuell entdeckt man als Zielgruppe für Rekrutierungsmaßnahmen die über 68-Jährigen sowie Frauen, die wieder in das Berufsleben einsteigen.

Für unsere Tätigkeit im Reinraum ist die körperliche Belastung für Senioren jedoch sehr hoch. Und selbst die Generation 50 plus hat irgendwann seine Grenzen erreicht.

Bei Menschen, die also länger arbeiten wollen braucht es Tätigkeiten, die unter dem Motto „Kopf statt Hand“ stehen. Bei Frauen, die wieder ins Berufsleben starten, wird es hingegen spannend. Da die Reinraumtechnik in den letzten Jahren einen deutlichen Zuwachs in der beruflichen Tätigkeit erfahren hat, kann man gar nicht von vorqualifizierten Mitarbeitern sprechen – da bedarf es einer grundsätzlichen Neuqualifizierung. Und ein Wechsel aus einem bestehenden Arbeitsverhältnis ist das Arbeiten unter Reinraumbedingung ist ein eher negatives Kriterium.

Frauen nach Wiedereinstieg in die Reinraumbranche fehlt oft eine entsprechende Vorqualifizierung

Hoher Anspruch an sich selbst: Weibliche Mitarbeiterin während der Weiterqualifizierung

 

Was ist also zu tun? Und was sind die zukünftigen Aufgaben und Herausforderungen?

Zum einen ist die “reine” Arbeitswelt nichts Abstraktes mehr wie noch vor 20 oder 30 Jahren. Der Anspruch an reine Produkte wächst bei der Industrie und bei den Konsumenten stetig. Sicherheit und Funktionalität der Produkte stehen im Vordergrund. Somit wird nahezu jede Branche einen Bezug zur Reinraumtechnik haben bzw. künftig noch verstärkter bekommen. Und dabei stellt sich die Aufgabe der Qualifizierung der Mitarbeiter umso dringender. Die Reinraumtechnologie wird Bestandteil zahlreicher Ausbildungsberufe werden. Auch gibt es erste Bemühungen, in bestehende Studiengänge die Reinraumtechnik zu integrieren bzw. Studieninhalte zu erweitern. Die Fachhochschule Sigmaringen ist dafür Vorreiter, ebenso wie die Universität Graz.

Wenn Unternehmen wettbewerbsfähig bleiben wollen, so bedarf es einheitlicher Ausbildungskriterien, die nicht nur national, sondern auch international umgesetzt werden. Wenn qualifizierte Mitarbeiter mehr und mehr aus dem Ausland kommen, so sollten diese schon ein Grundwissen vorweisen können. Normen und Richtlinien und Beispiele gibt es bereits dafür.

Gerade erwerbsfähige Menschen aus dem Ausland gelten in Zeiten von Vollbeschäftigung als ideale Zielgruppe für die Rekrutierung von Mitarbeitern. Doch die Sprachbarrieren haben in dieser Zielgruppe deutlich zugenommen. Reichte es in früheren Jahrzehnten aus, sich irgendwie zu verständigen, so ist das im heutigen Alltag durch einzuhaltende Arbeitsanweisungen und Dokumentationen und dem dadurch geforderten Anspruch an Verständigung und Kommunikation nahezu unerreichbar.

Hoher Anspruch bei Reinraumanwendern und -zulieferern:
Mit den Mitarbeitern muss die Dokumentation permanent geübt werden

Es können zwar die Produktionsprozesse weiter automatisiert werden, die zahlreichen gewerblichen Tätigkeiten im Reinraum, insbesondere die Tätigkeit des Reinraum-Reinigers sind jedoch – trotz hohem Innovationspotential – noch lange nicht durch einen Roboter zu ersetzen.

Die gesamte Wirtschaft (und besonders der Mittelstand) kann sich der Thematik Reinraumtechnologie nicht mehr entziehen und glauben, dass es so weiter geht wie bisher.

Ich wünsche mir eine rege Diskussion und aktive Mitstreiter, damit wir nicht den 2 Gründen, die gegen Veränderung sprechen, verfallen:

  1. Grund: das haben wir immer schon so gemacht
  2. Grund: das haben wir noch nie anders gemacht

In diesem Sinne: auf eine innovative und aufregende Zukunft.

 

 

Frank Duvernell