Reinraum und Kunst: Tanz im Reinraum

Künstlerische Auseinandersetzung mit Gesellschaft, Architektur und Wirtschaft. Ballett im Reinraum: Wenn die Weisszone zur Bühne für Reinraum und Kunst wird.

Das ist doch tabu! Tanzen im Reinraum, und dazu Filmleute mit Equipment. Das widerspricht eigentlich den grundlegenden Verhaltensregeln: langsam bewegen, keine Turbulenzen verursachen, Sie wissen schon.

Und nun das?

Kerstin Hamilton wagte den Tabubruch. Die Doktorandin an der Universität Göteborg drehte in einem Reinraum einen künstlerisch-ästhetischen Film, dessen ebenso aussagestarke wie verstörende Bilder einerseits von der Reinheit der Umgebung und andererseits von der Anmut der sich harmonisch in den Kulissen bewegenden Menschen leben. Hamilton hat die School of Photography an der Uni Göteborg absolviert, ist Master of Fine Arts, und erwarb einen Bachelor of Arts in Fotografie am Institute of Technology in Dublin.

Die visuelle Künstlerin arbeitet zurzeit an der Valand Akademie, der Hochschule für Künste in Göteborg, im Rahmen eines Doktoranden-Programms am Forschungsprojekt „Nanogesellschaften und darüber hinaus“. Darin geht es um die Auseinandersetzung mit mikroskopischen, architektonischen, wirtschaftlichen und menschlichen Aspekten in Laborlandschaften, es geht um das Verbinden der einzelnen Moleküle zu größeren gesellschaftlichen Strukturen. Hamilton interessiert sich dabei besonders dafür, wie sich Materialitäten und Prozesse mit Hilfe einer Kamera erfassen lassen, sowohl physisch als auch ethisch. Um die Nanowelt erfahrbar zu machen, muss sie sich buchstäblich ein Bild davon machen. „Abbildungen sind unsere einzige Verbindung zu diesen Miniaturlandschaften“, sagt sie.

Ihr im Reinraum gedrehter Film „Zero Point Energy“ beginnt mit weißer Schrift auf schwarzem Grund, mit einer Definition des Begriffs „Reinraum“.

Dann folgt der Blick in einen leeren Flur. Die Musik setzt ein, die Spannung steigt. Was passiert jetzt? Da tauchen aus den verschiedenen Gängen Menschen in Reinraumanzügen auf, erst einer, dann mehrere.

Jeder kommt woanders her und will woanders hin.

Dennoch läuft alles harmonisch ab. Es gibt keine Rempeleien. Wie bei den Quanten? Dann Schnitt. Dunkelheit. Von oben senken sich langsam zwei Füße ins Bild, eingepackt in Reinraumüberschuhe. Dann werden die Beine sichtbar, die Hüfte, der Oberkörper. Schließlich erreicht die Person den Boden und vollführt kniend anmutige Bewegungen – Ballet in Zeitlupe. Dann wieder Schnitt. Gezeigt werden jetzt Reinraummitarbeiter an ihren Arbeitsplätzen, gefolgt von einer erneuten Balletteinlage in anmutiger Langsamkeit. Assoziationen an „Schwanensee“ kommen und werden abrupt unterbrochen: Ein Totenkopf-Schild und ein Vorsicht-ätzende-Stoffe-Schild prangen dem Zuschauer entgegen.

Die Musik verstummt. Und als wolle die Filmkünstlerin die Gedanken der verwirrten Zuschauer neu ordnen, zeigt sie eine Art schleudernde Wäschetrommel. Die Musik setzt wieder ein, Reinraummitarbeiter laufen durch die Gänge wie zuvor. Dann eine Großaufnahme: Eine Hand dreht an der Wand einen Magneten gerade. So werden Buchstaben darauf lesbar: „Au/Ge“.

Im Projekt „Nanogesellschaften und darüber hinaus“ nutzt Hamilton die Nanolabore als Metapher.

So wie Nanopartikel der Quantenphysik unterliegen und es somit nicht die eine, die wahre Art für ihr Verständnis gibt, verhält es sich auch mit den Nanolaboren. Deren physisches und fotografisches Vorhandensein ist nicht dasselbe, womit es ebenfalls nicht die eine Art für ihr Verständnis gibt.

Die Arbeit der visuellen Künstlerin soll zur Diskussion anregen: Können wir der Abbildung vertrauen? Und spielt das überhaupt eine Rolle?

Wer sich den Film anschauen möchte, findet unter den folgenden Links im Internet eine Kurz- und die Originalversion:

Kurzversion  etwa 4 Minuten

Originalversion  etwa 18 Minuten

Frank Duvernell