Warum der digitale Wandel stockt

Apple-Chef Tim Cook gab jüngst der FAZ ein bemerkenswertes Interview. Stolz sollten die Deutschen auf ihre ingenieurtechnischen Spitzenleistungen sein, empfahl er. Wer genauer las, konnte aber euch feststellen, dass er sich zum Thema Digitalisierung in Deutschland höflich-vornehm zurückhielt.

Kein Wunder. Wirtschaftsverbände und Beratungsgesellschaften sind sich weitgehend einig. Deutschland hinkt in einigen Aspekten beim Thema Digitalisierung deutlich hinter anderen Ländern hinterher. Da werden schon mal Puerto Rico oder Peru ins Spiel gebracht. Dabei haben wir Deutsche doch den Begriff „Industrie 4.0“ erfunden! Gern wird in diesem Zusammenhang immer wieder auf technische Schwierigkeiten oder fehlende politische Unterstützung hingewiesen. Ja, mangelnder Breitbandausbau ist im Jahr 2017 eine Katastrophe. Ja, der schleppende Glasfaserausbau lässt Deutschland wie ein Entwicklungsland aussehen. Ja, fehlende IT-Sicherheits- bzw. Datenschutzkonzepte sind nicht zeitgemäß!

Aber, nein, das sind meiner Meinung nach nicht die entscheidenden Gründe für den gefährlichen Stillstand. Vielmehr fehlt in Politik und Wirtschaft ganz maßgeblich die Erkenntnis, dass digitale Transformation keine einmalige Angelegenheit ist, sondern ein Dauerzustand, in dem sich die Unternehmen kontinuierlich an zumeist disruptive Veränderungen anpassen müssen. Zukunft schimmert heute nicht mehr in weiter Ferne am Horizont, sondern holt uns täglich ein. Als Stichworte seien hier Künstliche Intelligenz (KI), 3D-Druck oder Big Data genannt.

Im Land der weltbesten Ingenieure müssen wir Digitalisierung endlich als  übergreifenden Kulturwandel begreifen, der unsere Arbeits- und Lebenswelten in nie dagewesener Intensität umkrempeln wird. Für die Autoindustrie z.B. geht es heute nicht mehr darum, USB-Anschlüsse in eine Fahrzeugkonsole einzubauen. Stattdessen sind digital basierte Mobilitätskonzepte und Geschäftsmodelle gefordert, will man am Markt bestehen.

Selbst eine Branche wie die Reinraumindustrie, Basis einer vernetzten Produktion der Zukunft, tut sich auf diesem Gebiet schwer und übersieht die Potenziale für qualitatives Wachstum und steigende Wertschöpfung. Oft unsichtbar, aber unverzichtbar für moderne Fertigung und Forschung, legt dieser viele Milliarden schwere Wirtschaftszweig den Grundstein für selbstfahrende Autos, hochauflösende Bildschirme, effiziente Weltraumforschung, keimfreie Lebensmittel. Mentales Hindernis ist hier der wirtschaftliche Dauererfolg. Volle Auftragsbücher, überdurchschnittliches Wachstum verstellen oft den Blick für die notwendigen Investitionen in Technologie, Businessmodelle und vor allem in Personalentwicklung, die ein Schlüssel für das Gelingen des Kulturwandels ist. Doch in den Führungstagen wie bei den Mitarbeiten fehlt es oft an Wissen, Kompetenz und Akzeptanz über Herausforderungen und Chancen der Digitalisierung.

Bei allem Hype um neueste Technologie wird oft übersehen, dass der Mensch auch in Zeiten steigender Automatisierung der Schlüsselfaktor für wirtschaftlichen Erfolg bleibt.

Damit der Mensch aber nicht zum Bremsklotz wird, brauchen wir in den Unternehmen eine proaktive Innovationskultur, die fehlendes digitales Wissen implementiert und bei Belegschaft und Management eine auf die Zukunft gerichtete Veränderungsbereitschaft auslöst. Digitalisierung muss – von der Geschäftsführung bis zum Operator – als ganzheitlicher Prozess begriffen werden. Wir brauchen eine Veränderungs- bzw. Innovationskultur, die die Mitarbeiter mitnimmt, schult und sie schon heute auf das vorbereitet, was vielleicht erst in 2-3 Jahren technische Wirklichkeit wird.

Frank Duvernell